Bürgerdialog

Daniel Waldmeier, stv. Chefredaktor, 20 Minuten

«Wir schauen immer, wo es innovative Ideen gibt»
1,29 Kinder pro Frau: 2025 fiel die Geburtenrate in der Schweiz auf einen historischen Tiefstand. 20 Minuten, das grösste News-Portal des Landes, wollte direkt von der Bevölkerung wissen, weshalb das so ist und welche Rahmenbedingungen eine Trendumkehr begünstigen würden. Für diesen Bürgerdialog arbeitete die Redaktion erstmals mit BrainE4 zusammen: Innerhalb von zwölf Tagen brachten 1'760 Teilnehmende 1'635 Ideen und Argumente ein und massen sie in über 111'000 Ideenduellen gegeneinander. Der stellvertretende Chefredaktor, Daniel Waldmeier, zieht im Gespräch Bilanz.
Herr Waldmeier, die Geburtenrate in der Schweiz ist historisch tief. Warum war das für 20 Minuten genau der richtige Moment, diesen Bürgerdialog mit BrainE4 zu machen?
Es ist ein gesellschaftliches Megathema – in der Schweiz, aber auch weltweit. Das sieht man etwa daran, dass der französische Präsident mit einem Brief an die Bevölkerung gegensteuern will. Das Thema strahlt in fast jede politische Debatte aus. Es betrifft zudem stark die junge Generation, und 20 Minuten ist ein Medium, das sich insbesondere auch an Jüngere richtet.
«Es geht darum, dass man Argumente nach Wichtigkeit und Konsens sortieren kann.»
Klassische Umfragen zur Familienpolitik gibt es ja schon viele. Was hat Sie an der BrainE4-Methode überzeugt, hier einen anderen Weg zu gehen?

Das war sicher das Partizipative: dass man die Community einbezieht und Leute ihre Ideen selbst einbringen können – verbunden mit der Hoffnung, auf Argumente zu stossen, die man sonst übersehen hätte. Bei politischen Debatten ist es ja oft so, dass die Narrative bereits bekannt sind, weil sie von den grossen Parteien gesetzt werden.

Wir waren im Jahr 2014 auch das erste Medium, das zusammen mit LeeWas eine grosse Online-Leserumfrage im Vorfeld der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative lanciert hatte. Wir schauen also immer, ob es in dem Feld innovative Ideen oder Methoden gibt.

«Wir schauen immer, wo es innovative Ideen gibt, die spannend sein könnten.»
Wie haben Sie die Einladung kommuniziert? Was hat die meisten Teilnahmen angetrieben?
Was bei uns auf der Startseite platziert ist, wird gesehen. Wir haben zum Start einen Artikel erstellt, der das Projekt vorgestellt hat. Die Methodik wurde in einem Gespräch mit den beteiligten Mathematik-Professoren verständlich erklärt. Und wir haben den Bürgerdialog mit einem Newsticker begleitet.
«Diejenigen, die mitgemacht haben, waren sehr involviert.»
1'760 Teilnehmende, 1'635 eingebrachte Ideen, 111'015 Ideenduelle, gespielt innerhalb von zwölf Tagen. Wie schätzen Sie diese Zahlen ein?
Gemessen an der Reichweite von 20 Minuten sind sie nicht überragend. Was man aber sieht: Diejenigen, die mitgemacht haben, waren sehr involviert. Das zeigt sich an der hohen Zahl an Ideenduellen, eingebrachten Ideen und Argumenten.
«Ein super spannendes, innovatives Tool mit einer intelligenten Crew dahinter.»
Haben Sie Reaktionen von Berufskolleginnen und -kollegen oder aus Ihrem privaten Umfeld bekommen?
Auf der Redaktion gab es zu reden. Der Tenor war: Das ist eine innovative Form, sich mit einem politischen Thema in der Tiefe auseinanderzusetzen, ohne sich politisch zu positionieren. Es geht ja darum, Argumente nach Wichtigkeit und Konsens zu sortieren. Man versucht herauszufinden, wo es Schnittmengen gibt, wo ein Kompromiss möglich wäre. Darum geht’s letztlich in einer Demokratie.
Hat Sie etwas überrascht?
Im Schlussbericht stehen finanzielle Argumente stark im Vordergrund. Das deutet darauf hin, dass der Leidensdruck bei jungen Familien relativ gross ist, ähnlich wie bei Krankenkassenprämien in klassischen Umfragen. Ich hätte erwartet, dass gesellschaftliche Gründe für die tiefe Geburtenrate stärker im Vordergrund stehen.
«BrainE4 ermöglicht, dass alle ihre Ideen und Argumente einbringen können.»
Gibt es etwas, das BrainE4 kann, was andere nicht können?
Bei einer grösseren Zielgruppe ermöglicht BrainE4, dass alle ihre Ideen und Argumente einbringen können. Die Argumente werden sich im Wettstreit entgegengestellt. So lassen sich Ideen nach Wichtigkeit und Zustimmung clustern. Spannend ist es dort, wo beide Dimensionen hohe Werte erreichen.
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Wie habt ihr die Daten und Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
Die Redaktion hat über die wichtigsten Ergebnisse des Bürgerdialogs berichtet (siehe hier). Den ausführlichen Bericht von BrainE4 haben wir verlinkt. Wer sich also für Detailergebnisse interessiert, kann diese nachlesen.
«Diese Art, Umfragen zu denken, hat viel Potenzial.»
Wie war die Zusammenarbeit mit dem Team von BrainE4?
Sehr produktiv. Wir hatten einen Strategie-Workshop, in dem wir die offenen Fragen formuliert haben. Die Fragestellung ist der eigentliche Schlüssel für das Gelingen eines Dialogs. Eine Herausforderung war es, ein externes Tool möglichst harmonisch in die 20-Minuten-Welt einzubetten.
Was hat das Ideenduell für 20 Minuten als Medium gebracht, über den journalistischen Inhalt hinaus?
Wir haben neue Ideen bekommen, wie man über politische Themen noch denken könnte: Gerade, wie man die Community aktiv in Debatten einbringen kann. Das passt gut zum Prinzip der Ideologiefreiheit in der politischen Berichterstattung, das für 20 Minuten zentral ist. Wir verstehen uns als Forum, in dem die Schweiz über politische und gesellschaftliche Themen diskutiert.
Online-Dialog:
1.760
 
Digitale Interviews
1.635
 
Ideen und Argumente
111.015
 
Ideenduelle
«Es gibt ein breites Anwendungsgebiet, überall dort, wo man blinde Flecken finden will.»
Wo funktioniert das Format Ihrer Meinung nach besonders gut?
Immer dort, wo es um die Bewertung von Ideen durch eine Gruppe geht. Bei Argumenten funktioniert es ebenfalls. Sie müssen dann aber auf den Punkt formuliert sein.
Für welche Themen würde es sich Ihrer Meinung nach besonders eignen?
Gerade bei der Altersvorsorge könnte ich mir das gut vorstellen, dort gäbe es ebenfalls viele Ideen, die man gegeneinander antreten lassen könnte.
Ich habe mir auch schon überlegt, ob man es im Sportbereich brauchen könnte. Wie stellen die Fussballfans die Nationalmannschaft zusammen?
Das wäre grossartig! Es kann durchaus auch mal spielerisch sein. Dank dem Gamification-Element käme jene Mannschaft heraus, die die Bevölkerung am liebsten auf dem Feld sähe. Das wäre sicher auch für Nati-Coach Murat Yakin von Interesse.
Was ist Ihr Fazit zum Einsatz von BrainE4?
Ein spannendes, innovatives Tool mit einer intelligenten Crew dahinter. Diese Art, mit der Community in Kontakt zu treten, hat viel Potenzial.
Wem würden Sie es empfehlen?
Das Tool kann meiner Meinung nach überall dort nützlich sein, wo nicht allein top-down geführt wird und sich die Entscheider überlegen, was Mitarbeitende oder die Bevölkerung wirklich denken. Ich glaube, es gibt ein breites Anwendungsgebiet.
Interview: thk
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