Herr Werthmüller, das Spital Uster hat eine anspruchsvolle Transformation hinter sich. Was hat Sie dazu bewogen, das Kader aktiv in diesen Prozess einzubinden?
Martin Werthmüller: Das Spital Uster hat finanziell eine schwierige Phase hinter sich, in der es vor drei Jahren darum ging, das Spital überleben zu lassen. Inzwischen stehen wir gut da, haben uns finanziell erholt und stabilisiert. Für mich stellte sich damit eine fundamentale Fragestellung: Wie nehme ich unsere Kaderebene mit in diese neue Phase? Der Wechsel weg vom «Überlebenskampf» hin zum Gestalten und Entwickeln bringt ganz andere Anforderungen mit sich. Mir war es wichtig, nicht einfach nur intern anzunehmen, was die Themen sein könnten, sondern auf gute und umfassende Weise zu erfahren, was unsere 115 Führungskräfte im Alltag bewegt, unterstützt oder bremst.
Man hört in Führungsetagen oft das Wort «Problem». Sie bevorzugen einen anderen Begriff.
Martin Werthmüller: Absolut. Ich bezeichne es lieber als Fragestellung oder als aktuelle Situation. Wir wollten kein Fehlersuchen veranstalten, sondern ein umfassendes, ehrliches Bild unseres Führungsalltags erhalten, und zwar so effizient und sichtbar wie möglich.
«Einige meiner Hypothesen wurden durch bessere Kader-Aussagen ersetzt.»
Wie sind Sie dabei auf die Methode von BrainE4 gestossen?
Martin Werthmüller: Im Austausch mit Andreas Seonbuchner habe ich gemerkt, dass er genau für diese Fragestellung das richtige Instrument entwickelt hat. Bei herkömmlichen Befragungen beantwortet man meist eine gewisse Anzahl vorgegebene Fragen mit Ja oder Nein und dann ist die Sache abgeschlossen. BrainE4 geht einen völlig anderen Weg: Es lässt einen echten, dynamischen Dialog zu. Wir haben als Geschäftsleitung eigene Hypothesen vorgegeben. Die Teilnehmenden konnten diese bewerten, vor allem aber eigene Thesen, Argumente und Beispiele einbringen, die wiederum mit anderen Kadern gespiegelt wurden. Das ist eine sehr gute Art, einen solchen Dialog zu gestalten.
Wie haben Ihre Führungskräfte auf diese neuartige Befragungsform reagiert?
Martin Werthmüller: Für das Kader war das natürlich neu und gewöhnungsbedürftig. Bisher war man es gewohnt, eine Befragung einmalig auszufüllen. Bei BrainE4 entwickelt sich die Diskussion mit der Zeit. Man muss mehrmals einsteigen, den Dialog reaktivieren und neue Inputs anschauen. Das erforderte anfänglich etwas Aufklärungsarbeit und Motivation, hat sich aber am Schluss hervorragend ausbezahlt.
«Eigene Kader-Ideen lagen oft viel näher am eigentlichen Kern.»
Mit welchem Ergebnis bezüglich der Beteiligung?
Martin Werthmüller: Von 115 angefragten Kadermitgliedern haben 85 aktiv teilgenommen, das entspricht einer Quote von fast 74 Prozent. Für eine neuartige Befragungsform ist das ein sehr gutes Resultat. Damit haben wir drei Viertel der Führungskräfte erreicht und somit eine klare Mehrheit. Das verleiht den Ergebnissen für mich eine extrem hohe Belastbarkeit.
Welche Dynamik hat sich während der mehrwöchigen Befragungsphase entwickelt?
Martin Werthmüller: Es war faszinierend zu beobachten, wie sich das System entwickelte. Viele unserer ursprünglichen Hypothesen wurden durch viel bessere, präzisere Aussagen aus den Reihen des Kaders ergänzt oder ersetzt. Die Kaderpersonen brachten eigene Beispiele und Ideen ein, die viel näher am eigentlichen Kern lagen als meine eigenen Annahmen im Vorfeld. Parallel dazu gab es Live-Rückmeldungen im Haus.
«Mein persönlicher positiver Kipppunkt war das Live-Erlebnis im Betrieb.»
Gab es während der mehrwöchigen Befragungsphase einen bestimmten Kipppunkt, an dem Sie merkten: «Jetzt funktioniert es wirklich»?
Martin Werthmüller: Für mich gab es zwei entscheidende Momente. Ich wusste nicht, wie die Angesprochenen das Format annehmen würden. Als Andreas Seonbuchner mir dann regelmässig die Kennzahlen spiegelte, sah ich Schwarz auf Weiss, wie die Beteiligung förmlich anfing, sich zu potenzieren. Der eigentliche Kipppunkt war für mich aber das Live-Erlebnis im Betrieb: Auf den Gängen, in Meetings und beim Mittagessen hörte ich plötzlich eins zu eins, wie das Kader die Inhalte diskutierte. Da wusste ich: Der Dialog läuft nicht nur digital, er ist im Alltag angekommen.
Gab es auch kritische Töne, die Sie besonders beschäftigt haben?
Martin Werthmüller: Ich war beeindruckt von der Offenheit und der konstruktiven Haltung. Man hat sich wirklich getraut, auch kritische Rückmeldungen zu geben. Zum Beispiel gab es die Aussage, dass das obere Kader trotz der überschaubaren Grösse des Spitals zu weit weg von der Basis sei. Das ist vielleicht auf den ersten Blick keine angenehme Rückmeldung, aber extrem relevant. Ich habe solche kritischen Stimmen bei der Ergebnispräsentation im O-Ton gezeigt und gesagt: Das ist eine wichtige Stimme für mich als CEO und für uns als Geschäftsleitung. Das zeigt auch, dass wir eine gute Kultur haben, in der solche Aussagen Platz finden.